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Kosmopolis - Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin 17

Einsame Kosmopoliten - 10 Jahre Kosmopolis

Datum: Dezember 2007
Seitenanzahl: 80
Abbildungen: 21
Buchformat: 17 x 22,5
Preis: Euro 10.00
Wir feiern das 10jährige Erscheinen von "KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin".

1797 charakterisierte der Herausgeber der Zeitschrift "Der Kosmopolit, eine Monatszeitschrift zur Beförderung wahrer und allgemeiner Humanität" in Halle einen idealen Kosmopoliten so: "Der Charakter des Kosmopoliten ist Unparteilichkeit, Wahrheitsliebe und Freimütigkeit".

1997 – genau zweihundert Jahre später - erschien die erste Ausgabe von KOSMOPOLIS – Interkulturelle Zeitschrift aus Berlin zum Thema "Briefe aus (aller Welt)". Es schrieben uns "Kosmopoliten" von Berlin über St. Petersburg, Addis Abba, Rio der Janeiro, Sanaa, Boston, Rom und Bukarest. Denn nur wer die Sichtweisen des Anderen seiner eigenen Perspektive zugesellt, ist in der Lage, etwas über den Anderen und über sich zu erfahren.
Auch das "Weltbürgertum" findet plötzlich wieder Anhänger, ganz in der Tradition von Immanuel Kants geschichtsphilosophischem Traktat "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" von 1784. Wir plädieren in der aktuellen spannungsgeladenen weltpolitischen Situation für mehr Weltläufigkeit und weniger Ethnizität, für das Umherschwirren intellektueller Geister, die weder durch Disziplinen noch durch Dogmen begrenzt sind.

Aus dem Inhalt:

  • Die Herausgeber: 10 Jahre KOSMOPOLIS
  • Georg Forster: Ein deutscher Kosmopolit von universaler Begabung
  • Ronald Daus: Globale Einzelgänger statt Weltliteratur. Zufälliges aus Kanada, Indien, Hongkong oder Schanghai
  • Luis Pulido Ritter: Bizarr Kosmopolitisches aus Panama. Der Schriftsteller Eric Walrond
  • Ursula Daus: Zwei einsame Kosmopoliten. Der Tschuktsche Juri Rytcheu und der Kirgise Tschingis Aitmatow
  • Sehnsucht nach Eiswüsten. Der Fotograf Olfa Otto Becker in Grönland
  • In Berlin und anderswo:
    Berlin im Banne der Mumien - Königsgräber der Skythen und Ursprünge der Seidenstraße; Kriegsbeute als Kunst - Hjortspring; Sammlerglück - Islamische Kunst im Pergamon-Museum Berlin; Ein Nachruf: die Künstlerin URSULA; Gegenrede - "Monet und Moneten". Eine Kritik zu den "schönsten Franzosen", die aus New York nach Berlin kamen.
  • Neue Bücher

    Zum Nachlesen:

    "Polarfeuer" von Juri Rytcheu. 352 S., 19,90 EUR, Unionsverlag, Zürich 2007
    "Gold der Tundra" von Juri Rytcheu, 270 S., 19,90 EUR, Unionsverlag, Zürich 2006
    "Der Schneeleopard" von Tschingis Aitmatow, 318 S., 19,90 EUR, Unionsverlag, Zürich 2007


    "Zwei einsame Kosmopoliten."
    Zum Gedenken an Juri Rytcheu und Tschingis Aitmatow von Ursula Daus.
    Textauszug

    "... Der aus der nordöstlichsten Ecke Rußlands, von der Halbinsel Tschukotka stammende Juri Rytcheu erhebt in seinen jetzt auf Deutsch im Unionsverlag veröffentlichten Romanen die Stimme für die "Verlierer des Neuen Rußlands"...
    Die Situation zwischen 1990 und 1994 erinnerte ihn fatal an die Ereignisse von 1920 bis 1924, als der Ferne Osten unter die blutige Willkürherrschaft des Sowjetregimes gezwungen wurde.
    In seinem 1971 in der Sowjetunion erschienen Roman "Polarfeuer" (dt. 2007) schildert der Autor, wie die Einwohner von Tschukotka diese Terrorzeit durchlebten. Der Protagonist seines Romans, der Kanadier John MacLennan, mit einer Tschuktschin verheiratet und Stiefvater ihrer Kinder, wird zum Sprachrohr der Ureinwohner gegen die aus dem Westen, aus St. Petersburg angereisen Bolschewiken. Sie haben den Auftrag, auch die entlegensten Tschuktschen-Dörfer mit dem Sozialismus zu beglücken. Dabei schrecken sie nicht vor Enteignung, Mord, Vergewaltigung und Menschenraub zurück. Auch die zeitübliche Verbannung in die sibirischen Arbeitslager ohne Wiederkehr müssen die Bewohner Tschukotkas ertragen...
    Dieser "Trauerarbeit" des Autors an den Sitten und Bräuchen seines Volkes während der Sowjetzeit folgte in den 1990er Jahren ein weiterer Roman voller Enttäuschung und Wut über den würdelosen Zerfall des sozialistischen Systems und die rücksichtslose Ausbeutung durch die neuen Profiteure...
    Der 2002 auf Russisch erschienene Roman "Gold der Tundra" (dt. 2006) oszilliert zwischen Post-Perestroika-Verwahrlosung und neuem Elan. Und wieder erweisen sich bei Rytcheu die Ureinwohner als fähige Überlebenskünstler in der Krise. Denn als ihr Retter tritt erneut ein Freund aus dem benachbarten Kontinent, aus Alaska, auf. Er ist Enkel eines amerikanschen Händlers und dessen tschuktischer Frau. Angeblich hatte sein Großvater an der Küste Tschukotkas einen Goldschatz vergraben. Während der Suche lernen er und seine Schwester die andere Hälfte ihrer Vorfahren kennen und schätzen. Sie ermöglichen sogar den beginnenden Wiederaufbau des kleinen Dorfes, dessen soziale Einrichtungen wie Schule, Kindergarten, Krankenstation, Dorfladen unter den Exzessen der kapitalistischen Eroberung des Fernen Ostens einfach in sich zusammengefallen waren. Vielleicht, so meint der Autor, gibt es in dieser alten, neuen Kooperation über die Bering-Straße hinweg die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Tschuktschen.
    Juri Rytcheu wird diese Neue Zeit nicht mehr miterleben können. Er ist im April 2008 gestorben.

    Weitaus hoffnungsloser stellt sich die Situation in der post-sowjetischen Gesellschaft für den Ausnahmebürger des unabhängigen Kirgistans, Tschingis Aitmatow, dar. Sein 2006 in St. Petersburg erschienener Roman "Der Schneeleopard" (dt. 2007) ist angefüllt mit einer harschen Kritik an den herrschenden "globalen" Verhältnissen und wie sie sich besonders extrem in seinem Heimatland auswirken. Das Verdikt des Autors über die neue Zeit lautet: "Töte, um zu leben, oder werde getötet." Die Menschen suchen ihr Heil in der Wiederbelebung uralter Sitten und Bräuche. Klientilismus und Patronage stehen ebenfalls in voller Blüte.
    Die Arbeitslosigkeit zwingt selbst eingefleischte Städter zurück aufs Land, wie den Journalisten Arsan, der als Dolmetscher eine Jagdgesellschaft aus den Öl-Emiraten vom Arabischen Golf begleiten soll. Doch die Jagdpartie auf den berühmten kirgisischen Schneeleoparden ist Anlaß für einen Teil der Dorfbewohner, die reichen Scheichs als Geiseln zu nehmen und ein fettes Lösegeld zu erspressen. "Wir sind keine Terroristen, wir holen uns unseren Anteil des Weltkapitals. Nicht mehr und nicht weniger." Auch für ein solch verbrecherisches Vorhaben finden sie noch Vorbilder in den kirgisischen Traditionen, nämlich die "Barytma". Sie erlaubte den Viehhirten, sich eine Geisel zu nehmen, wenn eine fremde Familie ihr Vieh auf ihre Weide trieb oder dort tränkte. Als Lösegeld erhielten die Geiselnehmer manchmal die gesamte Herde des Missetäters.
    Arsan, der städtische Intellektuelle, sieht sich zwischen der Loyalität zu seiner Dorfgemeinschaft und seiner moralischen Integrität zerrissen. Kurz bevor es zu der Geiselnahme kommt, warnt er die Scheichs und ihre Begleiter. Gewehrsalven aus den Waffen der Leibwächter und seiner Dorffreunde strecken ihn nieder. Er schleppt sich zu einer Höhle, in der bereits der alte, ebenfalls getroffene Leopard auf sein Ende wartet.
    Für den kosmopolitischen Schriftsteller Aitmatow war in dem kleinen unabhängigen Kirgistan kein Platz. Nie ist ihm der Verlust der großen Union, die die Republiken während der Sowjetzeit bildeten, grausamer bewußt geworden. In den 1950er Jahren galt er als Erneuerer der sogenannten "Volksliteratur". Er kämpfte für die Menschenrechte in seiner großen multikulturellen Heimat. Seine Ideale sah er in der Nach-Perestroika-Zeit noch mehr mit Füßen getreten als während der Schreckensherrschaft der Sowjets. Selbst die Bewohner seines Familien-Ails schienen die Zeiten des "Marktes" besser begriffen zu haben als er. "Lass dich für jeden Schritt und Tritt bezahlen." In einer solchen Welt ist weder für den Protagonisten des Romans "Der Schneeleopard" noch für seinen Schöpfer, den einsamen Kosmopoliten Tschingis Aitmatow, mehr Platz. Er ist im Mai 2008 in seinem Heimatdorf beigesetzt worden.


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